Über Regeln in der Klassengemeinschaft
Regeln im Klassenzimmer sorgen nicht nur für Ruhe und Ordnung. Sie geben Schüler:innen Orientierung und schaffen Bedingungen, unter denen Lernen möglich wird. Damit Regeln im Alltag wirksam sind, müssen sie klar, positiv und verständlich formuliert sein. Ebenso wichtig ist, dass sie bewusst eingeführt, mit den Schüler:innen eingeübt und im Unterricht verlässlich aufgegriffen werden. Dabei geht es nicht um blinden Gehorsam, sondern darum, dass Schüler:innen schrittweise lernen, ihr Verhalten selbst zu steuern. Hilfreich sind dabei eine klare Struktur, vorausschauendes Handeln und eine vertrauensvolle Lehrpersonen-Schüler:innen-Beziehung.
Regeln sind da – doch kommen sie auch an?
Seit Beginn des Schuljahres gelten in deiner Klasse drei Regeln:
- Wir sind leise.
- Wir sind freundlich miteinander.
- Wir stören nicht.
Heute beginnt eine Gruppenarbeit. Nach der Einführung sagst du:
„Jetzt beginnt die Gruppenarbeit. Denkt an unsere Regeln: Wir sind leise, wir stören nicht und wir sind freundlich miteinander.” Sofort wird es unruhig: Mehrere Schüler:innen stürmen gleichzeitig zum Material, es wird gedrängelt, gerufen und diskutiert. Du erinnerst die Klasse erneut an die Regeln, aber die Situation kippt immer wieder. Noch bevor die Arbeit richtig begonnen hat, geht viel Lernzeit verloren und du bist vor allem damit beschäftigt, wieder für Ruhe und Ordnung zu sorgen.
Nach der Unterrichtsstunde sitzt du erschöpft in deinem leeren Schulzimmer und fragst dich: Sind meine Erwartungen für die Schüler:innen wirklich so klar, dass sie wissen, was konkret zu tun ist? Wie kann ich Schüler:innen so unterstützen, dass sie erwünschtes Verhalten zeigen, ohne dass ich ständig eingreifen muss?
Weiter unten findest du konkrete Ansätze, die in solchen Situationen helfen können.
Und jetzt?
Hier findest du praxisnahe Strategien für die Vorbereitung und konkrete Vorschläge, wie du als Lehrperson in solchen Situationen handeln kannst. Sie stützen sich auf theoretische Überlegungen und empirische Befunde. Die Best Practices wurden von den Autor:innen aus diesen Grundlagen abgeleitet und befinden sich jeweils in der grün hinterlegten Box. Empirisch belegte Best Practices befinden sich in der blauen Box.
Was kannst du in der Vorbereitung tun?
Regeln gemeinsam entwickeln (Co-Establishment)
Zu Beginn des Schuljahres lohnt es sich, Regeln nicht einfach vorzugeben, sondern sie mit den Schüler:innen zu besprechen und gemeinsam zu erarbeiten. Wenn die Schüler:innen mitreden und mitdenken können, erleben sie Regeln eher als sinnvoll und verbindlich1,2. Ein weiterer entscheidender Faktor, um Verbindlichkeit zu schaffen, ist das Vermitteln des Sinns einer Regel3,4. Das stärkt die Mitverantwortung und unterstützt sie dabei, ihr Verhalten zunehmend selbst zu steuern5–7. Wichtig ist ausserdem, dass ihr die vereinbarten Regeln im Schulalltag sichtbar macht. So kannst du immer wieder darauf Bezug nehmen und die Regeln bei Bedarf in Erinnerung rufen8,9.
| Best Practice: Diese Fragen können den Einstieg in das Gespräch über Regeln erleichtern: – „Was ist eine gute Regel?“ Sinn einer Regel vermitteln: – „Warum ist uns diese Regel wichtig?“ Die gemeinsam vereinbarten Regeln können anschliessend übersichtlich auf Plakaten oder Karten festgehalten werden. Bilder, Piktogramme oder Fotos können dabei zusätzlich unterstützen. |
Erwartungen präzise und positiv formulieren
Regeln helfen im Alltag vor allem dann, wenn sie klar, konkret und positiv formuliert sind. Statt nur zu sagen, was nicht passieren soll, benennst du das erwünschte Verhalten. So wissen die Schüler:innen genauer, was von ihnen erwartet wird2,5,7,10,11.
| Best Practice: – Statt „Wir sind leise!”: „Wir sprechen in Arbeitsphasen mit einer Flüsterstimme.” – Statt „Wir sind freundlich miteinander.”: „Wir lassen andere ausreden und hören zu.” oder “Wir beziehen alle Mitschüler:innen in unsere Gruppenarbeit ein.” – Statt „Wir stören nicht.” : „Wir arbeiten so, dass andere konzentriert arbeiten können.” |
Regeln vorab in Erinnerung rufen und vormachen
Eine Regel zu nennen und dann zu hoffen, dass sie umgesetzt wird, reicht oft nicht aus. Hilfreicher ist es, wenn du Erwartungen unmittelbar vor einer anspruchsvollen Situation noch einmal kurz in Erinnerung rufst und konkretisierst. Das wird als Präkorrektur bezeichnet. Ebenso wichtig ist, dass du erwünschtes Verhalten sichtbar machst und dass ihr gemeinsam anschaut, wie es aussehen kann5,7,8,10,11.
| Best Practice: Vor Beginn einer Arbeitsphase kannst du die geltenden Regeln nochmals kurz aufgreifen und auf die konkrete Situation beziehen. – „Stopp. Bevor jemand aufsteht: Welche drei Regeln gelten jetzt in der Arbeitsphase?“ Hilfreich kann auch sein, den Ablauf kurz vormachen zu lassen: |
Präsenz zeigen und aufmerksam begleiten
Um Störungen vorzubeugen, ist es hilfreich, wenn du dich sichtbar und präsent machst. Dies vermittelt den Eindruck, dass du den Überblick behältst. Dazu gehört, dass du die Aktivitäten der Schüler:innen aufmerksam wahrnimmst und den Unterricht aktiv begleitest. So entsteht Struktur, die Orientierung gibt und unerwünschtem Verhalten vorbeugen kann5,9.
| Best Practice: – Gehe während der Gruppenarbeit aktiv durch den Raum. – Nutze nonverbale Signale wie Blickkontakt, Handzeichen oder angemessene Berührung (z. B. leichtes Antippen der Schulter). – Wirf regelmässig einen Blick auf die Arbeiten der Schüler:innen. – Setze eine freundliche, aber klare Mimik (z. B. Nicken, Lächeln) und Gestik ein, um Ruhe zu unterstützen5,9. |
Wie kannst du reagieren?
Positives Verhalten konkret benennen
Wenn Unruhe entsteht, richte den Blick bewusst auf Schüler:innen oder Gruppen, die die besprochenen Erwartungen bereits umsetzen. Sprich dieses Verhalten möglichst konkret an. So lenkst du Aufmerksamkeit auf das, was bereits gelingt, statt störendes Verhalten zusätzlich in den Mittelpunkt zu stellen6,8,9,11.
Als gute Unterrichtspraxis gilt dabei, dass Lehrpersonen etwa viermal so häufig positives Feedback geben wie korrigierende Rückmeldungen (Verhältnis 4:1)8.
(Das empfohlene Verhältnis schwankt, übereinstimmend wird jedoch eine klare Überlegenheit positiver Rückmeldungen belegt, siehe Themenfeld Routinen)
| Best Practice: – „Danke, Gruppe 2: Ihr nutzt gerade eine gute Arbeitsstimme. So können alle starten.“ – „Stark, Gruppe 4: Nur euer Materialdienst ist aufgestanden und ihr anderen habt schon begonnen. Genau so können alle in Ruhe arbeiten.“ – „Super, ich sehe mehrere Gruppen, die gehen statt zu rennen. Das ist sicherer und macht den Start ruhiger.“ |
Bei Regelverstössen kurz und ruhig reagieren
Wenn Regeln verletzt werden, hilft es, kurz, knapp und ruhig zu reagieren, damit der Unterrichtsfluss erhalten bleibt. Ziel ist es, dass du das Verhalten frühzeitig lenken kannst, ohne die Störung zusätzlich in den Fokus zu rücken. Formuliere die Hinweise in einem sachlichen Tonfall und vermeide Diskussionen9,11,12.
| Best Practice: Trotz aller vorbereitenden Massnahmen kommt es während der Gruppenarbeit erneut zu einer Störung. Die Schüler:innen arbeiten in ihren Gruppen, als ein:e Schüler:in plötzlich laut durch den Raum ruft. Gehe ruhig zu der betreffenden Person und sprich aus kurzer Distanz in einem freundlichen, bestimmten und klaren Ton: Gib anschliessend eine kurze und konkrete Handlungsanweisung: |
Diese Strategien zeigen: Regeln sind nicht einfach ein Mittel, um Verhalten zu kontrollieren. Sie geben Orientierung und helfen dabei, gemeinsames Lernen wirksam zu gestalten. Wenn Regeln klar formuliert, gemeinsam entwickelt und im Unterricht verlässlich begleitet werden, tragen sie viel zu einem ruhigen und lernförderlichen Klassenklima bei2,5,7,13.
Möchtest du dich vertiefen?
Die bisherigen Vorschläge bieten dir konkrete Orientierung für deinen Unterrichtsalltag. Wenn du wissen möchtest, warum diese Strategien wirksam sind und worauf diese basieren, findest du im Folgenden eine vertiefende wissenschaftliche Einordnung.
Was steckt theoretisch dahinter?
Damit Regeln im Unterricht wirken, brauchen sie einen klaren Rahmen. In der Forschung wird dieser Rahmen als Struktur beschrieben3,5. Gemeint ist ein Unterrichtsstil, der die Bedürfnisse der Schüler:innen berücksichtigt, ihnen Orientierung gibt und verständlich macht, was von ihnen erwartet wird3,5–7. Struktur zeigt sich vor allem in zwei Dingen: Lehrpersonen sagen klar, was das Ziel ist und was die Schüler:innen tun sollen. Gleichzeitig begleiten sie den Lernprozess so, dass die Schüler:innen beim Arbeiten Orientierung behalten3,4,7. Fehlt diese Klarheit, wird der Unterricht für Schüler:innen schnell unübersichtlich und widersprüchlich, was sich in der beschriebenen Alltagssituation beim Materialholen zeigt. In der Forschung wird ein solcher Unterrichtsstil als chaotisch beschrieben, weil Orientierung und Vorhersehbarkeit fehlen3,5,7.
Die Selbstbestimmungstheorie: Struktur statt Kontrolle
Hilfreich zum Verständnis von Regeln ist die Selbstbestimmungstheorie2,5–7. Sie geht davon aus, dass Motivation und Wohlbefinden eng damit zusammenhängen, ob drei psychologische Grundbedürfnisse erfüllt sind: Autonomie (Selbstbestimmung bzw. mitbestimmen können), Kompetenz (sich fähig fühlen) und soziale Eingebundenheit (dazugehören). Regeln wirken deshalb besonders dann, wenn sie diese Bedürfnisse unterstützen14.
Regeln unterstützen die psychologischen Grundbedürfnisse, da sie Teil einer klaren Struktur sind3,5. Das bedeutet: Lehrpersonen machen Erwartungen transparent, erklären, was zu tun ist und warum es wichtig ist und begleiten die Schüler:innen verlässlich auf diesem Weg. Dazu gehört auch, unterschiedliche Lernvoraussetzungen und Bedürfnisse der Schüler:innen zu berücksichtigen4–7. Ein solcher Unterricht hilft den Schüler:innen, sich besser zu orientieren und stärkt ihr Gefühl, Anforderungen bewältigen zu können (Kompetenzerleben)7.
Regeln unterstützen von aussen. Sie geben Halt, bis die Schüler:innen ihr Verhalten immer besser selbst steuern können2,5–7. Besonders wirksam ist Struktur dann, wenn sie nicht kontrollierend, sondern autonomieunterstützend vermittelt wird4–7,12. Das bedeutet: Lehrpersonen begründen Regeln nachvollziehbar, kommunizieren Erwartungen klar und beziehen die Schüler:innen in deren Gestaltung mit ein4,5. Wenn Schüler:innen Regeln mitverstehen und teilweise mitgestalten können, wie es im Best Practice Vorschlag durch das gemeinsame Gespräch über Regeln aufgezeigt wird, erleben sie den Unterricht eher als fair und nachvollziehbar. Sie wissen besser, was von ihnen erwartet wird, fühlen sich ernst genommen und können ihr Verhalten leichter steuern. Genau das schafft gute Voraussetzungen dafür, dass sie engagiert mitarbeiten und sich eher an Regeln halten5,7,9,12.
Davon unterscheidet sich ein Unterrichtsstil, der stark auf Druck und Kontrolle setzt. Hier geht es eher darum, Verhalten mit Strafen, Belohnungen oder Druck durchzusetzen, statt dass die Schüler:innen den Sinn der Regel verstehen4,7. Werden Regeln vor allem auf diese Weise vermittelt, kann das das Gefühl von Selbstbestimmung schwächen. Den Schüler:innen fällt es dann oft schwerer, den Sinn hinter Regeln zu verstehen und sie mit der Zeit aus eigenem Antrieb umzusetzen4,5,7,12,14.
Das langfristige Ziel von Regeln ist deshalb nicht blosser Gehorsam, sondern der schrittweise Aufbau von Selbststeuerung. Die Schüler:innen sollen lernen, eigene Impulse, wie beispielsweise das Hineinrufen, zunehmend selbst zu kontrollieren2,5,14.
Handlungslogik: Prävention (Vorbeugung) statt Reaktion
Im Umgang mit Regeln sind vorbeugende Strategien meist hilfreicher als reaktive, da sie bereits vor potenziell störungsanfälligen Situationen ansetzen, in der Alltagssituation etwa vor dem Gang zum Materialtisch5,12,13. Prävention bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Lehrpersonen Erwartungen und Regeln frühzeitig klären, bevor es überhaupt zu Regelverstössen kommt. Regeln dienen dabei als vorausschauende Orientierung für den Schulalltag. Reaktive Strategien greifen dagegen erst ein, wenn bereits etwas schiefgelaufen ist, etwa durch Ermahnungen oder Konsequenzen13.
Präventive Strategien wirken allerdings nicht schon deshalb, weil Regeln irgendwo festgehalten sind. Entscheidend ist, dass Lehrpersonen Regeln ausdrücklich einführen, mit den Schüler:innen einüben, im Alltag aufmerksam begleiten und bei Bedarf wieder aufgreifen8,9. Regeln wirken also nicht allein durch ihre Existenz, sondern dadurch, dass sie im Unterricht klar, verlässlich und wiederkehrend umgesetzt werden2,5,6,9.
Die Bedeutung der Lehrpersonen-Schüler:innen-Beziehung
Regeln wirken nie losgelöst von der Beziehung zwischen Lehrpersonen und Schüler:innen. Eine vertrauensvolle und wertschätzende Beziehung trägt dazu bei, dass Regeln weniger als Kontrolle und stärker als Unterstützung erlebt werden. Dadurch steigt die Bereitschaft der Schüler:innen, Erwartungen mitzutragen und sich auch längerfristig daran zu orientieren (siehe Themenfeld Beziehung)5,6,13,14. Regeln sollten deshalb nicht als Ausdruck von Machtausübung erscheinen, sondern als Hilfe für das gemeinsame Lernen12.
Was sagt die Forschung?
Zu Regeln und klarer Struktur im Unterricht gibt es bereits belastbare Forschung, auf die sich die hier vorgestellten Praxisansätze gezielt stützen. Gleichzeitig ist die Zahl der besonders aussagekräftigen Studien in diesem Bereich bislang noch begrenzt.
Regeln als Basis für Engagement, Leistung und Wohlbefinden
Die Forschung zeigt: Klare Regeln und Erwartungen hängen mit mehr Engagement und besseren Lernvoraussetzungen zusammen. In gut strukturierten Klassen geht weniger Zeit durch Störungen verloren, und mehr Zeit steht fürs Lernen zur Verfügung5,13,15. Zudem deuten Befunde darauf hin, dass klare Struktur dazu beitragen kann, dass sich die Schüler:innen kompetenter, sicherer und sozial eingebundener fühlen3,7,16.
Auch für Lehrpersonen ist das relevant: Wenn Abläufe im Unterricht gut funktionieren, erleben viele ihren Unterricht als entlastender und sind zufriedener im Beruf4. Umgekehrt deuten Befunde darauf hin, dass mangelnde Struktur und häufige Störungen mit höherem Stresserleben und emotionaler Erschöpfung bei Lehrpersonen verbunden sein können9,17.
Die Überlegenheit präventiver Regelarbeit
Die Forschung spricht dafür, Störungen möglichst vorzubeugen, statt erst dann zu reagieren, wenn sie schon entstanden sind8,9,12,13. Das schützt Lernzeit und trägt zu einem ruhigen Unterricht bei5,12,13. Untersuchungen zu Programmen wie CW-FIT (Class-Wide-Fit) oder CHAMPS zeigen, dass Unterricht ruhiger verlaufen kann, wenn Regeln und Verhaltenserwartungen nicht nur genannt, sondern ausdrücklich eingeübt werden6,9. Besonders gut untersucht sind kurze Erinnerungen (Präkorrekturen) direkt vor anspruchsvollen Situationen, zum Beispiel vor einer Gruppenarbeit. Wenn Lehrpersonen Regeln in diesem Moment noch einmal konkret in Erinnerung rufen, etwa wie im Praxistipp mit der Frage “Bevor jemand aufsteht: Welche drei Regeln gelten jetzt in der Arbeitsphase?“, arbeiten Schüler:innen oft konzentrierter und es kommt seltener zu Regelverstössen5,8,11.
Rolle von positiver Rückmeldung
Trotz der gut belegten Wirksamkeit proaktiver Ansätze können auch reaktive Strategien sinnvoll eingesetzt werden. Besonders wirksam scheint positives Feedback zu sein, welches das erwünschte Verhalten konkret benennt8,9,11. Im Unterschied zu allgemeinem Lob wird dabei das erwünschte Verhalten gezielt hervorgehoben und konkret benannt, wie der Best Practice Vorschlag exemplarisch an der Formulierung “Ihr nutzt eine gute Arbeitsstimme” zeigt. Schüler:innen erhalten so eine klare Rückmeldung darüber, was ihnen gelungen ist und welches Verhalten im Unterricht erwartet wird. So wird positives Verhalten nicht nur verstärkt, sondern auch für die Klasse sichtbar gemacht8,9,11.
Mitwirkung verstärkt die Verbindlichkeit
Die Forschung deutet darauf hin, dass die Art der Regeleinführung dafür relevant ist, wie Regeln erlebt werden. Studien zum Co-Establishment, also zur gemeinsamen Erarbeitung von Regeln, zeigen, dass gemeinsam entwickelte Regeln mit günstigerem Verhalten verbunden sein können als ausschliesslich autoritär vorgegebene Regeln5,7,13. Zudem weisen robuste Befunde darauf hin, dass strukturierte Lernumgebungen, in denen Regeln klar kommuniziert und konsequent umgesetzt werden, soziale Kompetenzen und Selbstregulation fördern können, etwa indem Schüler:innen in Arbeitsphasen selbständig eine Flüsterstimme nutzen6,13.
Gestaltung und Sichtbarkeit von Regeln
Auch zur Formulierung und Sichtbarkeit von Regeln liegen wissenschaftliche Hinweise vor. Forschungsergebnisse sprechen dafür, Regeln positiv und konkret zu formulieren, damit das erwartete Verhalten für alle nachvollziehbar und beobachtbar wird2,10,11. Zusätzlich kann es hilfreich sein, Regeln im Klassenraum sichtbar darzustellen, damit im Unterricht immer wieder darauf Bezug genommen werden kann8,9.
Quellen
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Take Home Message
Regeln schaffen Orientierung und helfen, gemeinsames Lernen zu ermöglichen. Damit sie wirksam sind, sollten sie möglichst gemeinsam erarbeitet sowie positiv und konkret formuliert werden. Ebenso wichtig ist es, erwartetes Verhalten vorausschauend aufzugreifen und gezielt zu bestärken. Besonders gut wirken Regeln dann, wenn sie in eine wertschätzende Beziehung eingebettet sind. So kannst du die Schüler:innen dabei unterstützen, ihr Verhalten zunehmend selbst zu steuern.
Regeln wirken im Schulalltag nicht losgelöst, sondern im Zusammenspiel mit weiteren zentralen Aspekten der Klassenführung. Funktionierende Regeln bauen auf einer tragfähigen Lehrpersonen-Schüler:innen-Beziehung auf. Neben Regeln tragen auch Rituale, Routinen und Übergänge massgeblich zu einem gut strukturierten Unterricht bei. Selbstfürsorge kann Lehrpersonen dabei unterstützen, auch in Situationen mit herausforderndem Verhalten ruhig, präsent und handlungsfähig zu bleiben. Vertieft werden diese relevanten Aspekte in den weiteren Themenfeldern.
Impressum
Editor:in
C. Willenegger
BA in Primary Education & MSc in Educational Science (i.A.)
Autor:innen
C. Villiger
BA in Pre-Primary and Primary Education & MSc in Educational Science (i.A.)
L. Voutat
BSc in Sport Science & MSc in Sport Science (i.A.)
M. Wehrli
BSc in Educational Science & MSc in Educational Science (i.A.)
S. Mattmüller
BA in Primary Education & MSc in Educational Science (i.A.)