Über die Zusammenarbeit mit Erziehungsberechtigten
Die Zusammenarbeit mit Erziehungsberechtigten ist eine zentrale, aber oft herausfordernde Aufgabe von Lehrpersonen. Besonders in Gesprächen zeigen sich typische Spannungsfelder: unterschiedliche Einschätzungen zum Leistungsstand, fehlende Augenhöhe, Grenzüberschreitungen und eine unzureichende Arbeitsbeziehung zwischen Schule und Zuhause. Eine typische Situation macht diese Schwierigkeiten anschaulich und dient als Ausgangspunkt für konkrete Lösungsstrategien. Im Mittelpunkt stehen klare Kommunikation, professionelles Grenzensetzen und der Aufbau einer respektvollen Zusammenarbeit. Die vorgestellten Ansätze stützen sich auf empirische Forschung und auf das Vier-Ohren-Modell von Schulz von Thun. Dieses erklärt, dass jede Äusserung zugleich Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehungsbotschaft und Appell enthält. So lassen sich Gespräche bewusster führen, Missverständnisse verringern und gemeinsame Lösungen im Interesse der Schüler:innen besser nachhaltig entwickeln. Das Modell wird weiter unten in der Theorie erläutert.
Ein Gespräch, das keines war
Es ist Montagabend, draussen ist es längst dunkel, doch in deinem Klassenzimmer brennt noch Licht. Dir gegenüber sitzen zwei Erziehungsberechtigte und das nicht zum ersten Mal. Das Gespräch betrifft eine:n Schüler:in, der:die zunehmend herausforderndes und teilweise aggressives Verhalten zeigt. Du vermutest als Ursache eine Lernstörung. Über die offizielle Schulplattform hast du schon mehrfach Kontakt aufgenommen, doch die Antworten kamen meist spät, oft über WhatsApp spätabends oder an Wochenenden, manchmal gleich mit mehreren Nachrichten oder Anrufen hintereinander. Einige nimmst du als vorwurfsvoll wahr, was jedes Gespräch zusätzlich belastet hat.
Auch an diesem Abend zeigt sich eine unterschiedliche Wahrnehmung der Situation. Sobald du das Verhalten und die schulischen Schwierigkeiten ansprichst, heisst es: „Zu Hause ist uns dieses Verhalten bisher nicht aufgefallen“ oder „Unser Kind langweilt sich einfach“. Du versuchst, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, doch die Erziehungsberechtigten reagieren skeptisch: „Mit mehr Lebenserfahrung würden Sie merken, dass Strenge hier nichts bringt“. Das Gespräch endet ohne konkrete Vereinbarungen und du gehst nach Hause mit der Frage, wie eine gemeinsame Grundlage für die weitere Zusammenarbeit geschaffen werden kann.
Und jetzt?
Hier findest du praxisnahe Strategien für die Vorbereitung und konkrete Vorschläge, wie du als Lehrperson in solchen Situationen handeln kannst. Sie stützen sich auf theoretische Überlegungen und empirische Befunde. Die Best Practices wurden von den Autor:innen aus diesen Grundlagen abgeleitet und befinden sich jeweils in der grün hinterlegten Box. Empirisch belegte Best Practices befinden sich in den blauen Boxen.
Professionelle Grenzen im Umgang mit Erziehungsberechtigten
Was kannst du in der Vorbereitung tun?
Eine gelingende Zusammenarbeit mit Erziehungsberechtigten beginnt mit klaren Rahmenbedingungen. Lege gemäss der Sachebene früh fest, wann, wie oft und über welche Kanäle du erreichbar bist. Studien zeigen, dass eine regelmässige und organisierte Kommunikation positive Effekte auf schulische Prozesse haben kann2.
Auf der Selbstoffenbarungsebene zeigts du gegenüber den Erziehungsberechtigten transparent auf, warum diese Erreichbarkeitsregeln für dich und deine Arbeit Sinn machen und zwar so, dass sie nachvollziehbar sind3–5.
Achte von Beginn an auf den Aufbau einer zielführenden Beziehung. Die Forschung zeigt, dass Vertrauen eine zentrale Grundlage für eine gelingende Zusammenarbeit ist6,7. Einen frühen Austausch über Erreichbarkeiten auf beiden Seiten kann dazu beitragen, eine kooperative Basis zu schaffen3,8.
Formuliere schliesslich deine Erwartungen an die Zusammenarbeit wohlwollend. Wenn Erziehungsberechtigte genau wissen, dass du ihre Anliegen ernst nimmst und zu den angegebene Zeiten antwortest, fällt es Erziehungsberechtigten leichter, sich einzubringen9,10.
| Best Practice: Stelle ein Informationsblatt oder eine kurze Vereinbarung für Erziehungsberechtigte bereit, in der gewünschte Kommunikationswege, Zuständigkeiten und Reaktionszeiten festgehalten sind und nimm im weiteren Verlauf bei Bedarf wieder Bezug auf diese Absprachen. (Sachebene) Erläutere deine Arbeitsweise transparent, zum Beispiel: „Damit ich allen Kindern gerecht werden kann, beantworte ich Anliegen gesammelt zu festen Zeiten. So kann ich mich während des Unterrichts auf die Klasse konzentrieren.“ (Selbstoffenbarungs- und Beziehungsebene) Formuliere zu Beginn Erwartungen an die Zusammenarbeit hinsichtlich Erreichbarkeit, Rückmeldungen oder den Umgangston. (Appellebene) |
Wie kannst du reagieren?
Wenn deine Grenzen bereits überschritten wurden, hilft es, dich an bestimmten Strukturen zu orientieren. Dokumentiere Überschreitungen aktiv und beziehe dich auf der Sachebene auf vereinbarte Erreichbarkeitsregeln. Wenn du selbst eine strukturierte, auf Fakten basierte Dokumentation führst, kann dies helfen, unterschiedliche Wahrnehmungen nachvollziehbar zu machen11.
Erkläre auf Selbstoffenbarungsebene, wie du die Situation erlebst und warum dich eine Grenzüberschreitung belastet. Eine solche Einordnung kann helfen, Missverständnisse zu reduzieren. Gleichzeitig zeigen Studien, dass Konflikte in der Zusammenarbeit mit Erziehungsberechtigten häufig mit Unsicherheiten und emotionalen Belastungen ihrerseits verbunden sind5 und sie deshalb Erreichbarkeitsregeln nicht wahrnehmen können.
Bleibe auch in schwierigen Situationen auf Beziehungsebene respektvoll. Die Forschung unterstreicht, dass ein respektvoller Umgang zentrale Voraussetzungen für eine zielführende Zusammenarbeit sind6,7.
Formuliere auf Appellebene klar, wie die Zusammenarbeit weitergehen soll. Festgelegte Vereinbarungen helfen der Strukturierung von weiterführenden Gesprächen9. Bei Bedarf kannst du zusätzlich schulische Fachstellen einbeziehen, um die Situation gemeinsam zu klären3.
| Best Practice: Fasse Vereinbarungen schriftlich zusammen, zum Beispiel in einem kurzen Gesprächsprotokoll und beziehe dich auf bestehende Regeln. (Sachebene) Sprich offen über deine Wahrnehmung, ohne Vorwürfe zu formulieren. Zum Beispiel: „Ich merke, dass mich die vielen Nachrichten nach Feierabend stark beanspruchen.“ (Selbstoffenbarungsebene) Zeige Gesprächsbereitschaft für eine Nachbesprechung, aber auch Grenzen. Zum Beispiel: „Ich nehme Ihre Anliegen ernst und möchte das in einem ruhigen Gespräch gemeinsam klären.“ (Beziehungsebene) Formuliere klar, wie die Kommunikation künftig laufen soll. Zum Beispiel: „Für die weitere Kommunikation bitte ich Sie, mich künftig über die offizielle Plattform zu kontaktieren und Anliegen während meiner Arbeitszeiten zu besprechen.” (Appellebene) |
Umgang mit unterschiedlichen Ansichten zur Förderung von Schüler:innen
Was kannst du in der Vorbereitung tun?
Du kannst vorausschauend dafür sorgen, dass Probleme und mögliche Fördermassnahmen für die Erziehungsberechtigten keine Überraschung sind. Auf der Sachebene sollten mögliche Schwierigkeiten der Schüler:innen und die dazu passenden Angebote sowie allgemeine Informationen in einfacher Sprache vorgestellt werden. Vermeide Fachbegriffe, die Erziehungsberechtigte ausschliessen könnten5. Fördermassnahmen werden oft abgelehnt, wenn Erziehungsberechtigte Nachteile oder eine Stigmatisierung ihrer Kinder befürchten. Besonders bei Familien mit Migrationshintergrund wirken konkrete Alltagsveränderungen (also wie z.B. eine Intervention konkret umgesetzt wird) stärker als abstrakte Erklärungen12.
Auf der Selbstoffenbarungsebene zeigst du dich als Lehrperson, die familiäre Hintergründe (also Lebensumstände und Prägungen im familiären Umfeld) ernst nimmt. Empathie ist dabei eine wichtige Beratungskompetenz, die sich trainieren lässt13. Wenn Erziehungsberechtigte als Fachpersonen für ihr eigenes Kind wahrgenommen werden, entsteht eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe13,14. Auf der Beziehungsebene gelingt dies am besten, wenn Erziehungsberechtigte vorausschauend einbezogen werden, bevor eine Situation eskaliert14.
Auf der Appellebene sollten Förderungsmöglichkeiten als gemeinsame Handlung erklärt werden. Förderangebote wirken besser, wenn sie als gemeinsame Unterstützung erscheinen und nicht als Feststellung eines Problems. Eine wertschätzende Bemerkung am Ende stärkt den kooperativen Ton14.
| Best Practice: Steige mit einer konkreten Beobachtung ein. „Mir ist aufgefallen, dass der:die Schüler:in in letzter Zeit vermehrt abbricht, bevor er eine Aufgabe abgeschlossen hat. Wie nehmen Sie das zu Hause wahr?“ Dieser Einstieg ist sachlich und basiert auf Beobachtung. Gleichzeitig wird eine Zusammenarbeit statt Verurteilung gezeigt14. (Beziehungsebene) |
| Best Practice: Biete Informationsabende oder ein Informationsblatt zu Abläufen sowie Fördermöglichkeiten an. Dies kann Vorbehalte von nötigen Abklärungen und Fördermassnahmen abbauen. (Sachebene) Stelle offene Fragen wie „Was erleben Sie zu Hause? Was hat sich in letzter Zeit verändert?“ . Dies lädt Erziehungsberechtigte ein, ihre Perspektive einzubringen. Du sendest damit die Botschaft: „Ich brauche Ihre Perspektive“ statt „Sie müssen jetzt etwas tun.“ (Selbstoffenbarungsebene) Lade Erziehungsberechtigte von Beginn an dazu ein, Teil der Lösungsfindung zu sein, wie z.B: „Mir ist wichtig, dass wir gemeinsam schauen, was Ihrem Kind hilft. Welche Veränderungen haben Sie zu Hause beobachtet?“ (Appellebene) |
Wie kannst du reagieren?
Wenn Erziehungsberechtigte Fördermassnahmen trotz ausführlicher Erklärungen ablehnen, hilft es auf der Sachebene, ruhig zu bleiben und schriftlich dokumentierte Beobachtungen des Verhaltens mit passenden Fördermassnahmen zu vergleichen. Rückmeldungen zu Lernschwierigkeiten wirken glaubwürdiger, wenn sie konkret und beobachtungsbasiert formuliert sind3.
Wenn Erziehungsberechtigte deine Einschätzung zurückweisen, lohnt es sich auf der Selbstoffenbarungsebene, auf die Verunsicherung hinter den Worten zu hören. Dahinter stecken oft Zukunftsängste oder Überforderung15. Mit dem Ansprechen solcher Gefühle kannst du Raum für sachliche Argumentationen schaffen.
Auf der Beziehungsebene hilft es, die andere Sichtweise anzuerkennen, ohne die eigenen Grundsätze aufzugeben, während eine kontrollierende Haltung die Beziehung zusätzlich belastet3,15.
Wenn Erziehungsberechtigte Unterstützungsmassnahmen trotz wiederholter Gespräche ablehnen, empfiehlt es sich auf der Appellebene, schulinterne Fachstellen beizuziehen, etwa den Schulpsychologischen Dienst (SPD), die Schulsozialarbeit oder eine heilpädagogische Fachperson3,15. Eine dritte Person verändert die Gesprächsdynamik, weil Botschaften weniger als persönlicher Angriff gehört werden und der institutionelle Rahmen stärker in den Vordergrund tritt.
| Best Practice: Sprich über konkrete Situationen oder Lernfortschritte statt über Einschätzungen und halte diese schriftlich fest, z. B.: „In den letzten drei Wochen hat der:die Schüler:in die Aufgaben nur an zwei Tagen vollständig erledigt.“ (Sachebene) Spiegle die Verunsicherung der Erziehungsberechtigten verständnisvoll, z. B.: „Ich sehe, dass Sie sich Sorgen machen, was diese Schritte für Ihr Kind bedeuten könnten.“. (Selbstoffenbarungsebene) Lade die Erziehungsberechtigten ein, Teil der Lösung zu bleiben, durch kleine und gemeinsam vereinbarte Schritte. Bei wiederholter Ablehnung schlage die Begleitung durch eine Fachperson vor, z. B.: „Ich würde gerne jemanden vom SPD beiziehen, damit wir gemeinsam noch mehr Möglichkeiten finden können.“3,13,15. (Appellebene) |
| Best Practice: Anerkenne, dass Erziehungsberechtigte eine andere Sicht haben dürfen, wie z. B.: „Ihre Perspektive hilft mir, das Verhalten Ihres Kindes besser zu verstehen.“(Beziehungsebene) |
Professionell reagieren, wenn die eigene Rolle als Lehrperson hinterfragt wird
Was kannst du in der Vorbereitung tun?
Es kann vorkommen, dass deine professionelle Rolle als Lehrperson von Erziehungsberechtigten nicht akzeptiert wird aufgrund von unterschiedlichen Vorstellungen, Erwartungen und Sichtweisen9. Auf der Sachebene können unterschiedliche Einschätzungen des Verhaltens von Schüler:innen eine gut belegte Konfliktquelle sein11,16. Auch hier ist es wichtig, früh mit den Eltern in den Kontakt zu treten mittels verschiedener Kommunikationsformen (offizielle Schulplattform, Gespräch, Telefonat, etc.) helfen dabei, Missverständnisse zu verringern9,10.
Auf der Selbstoffenbarungsebene ist es auch hier wichtig, die Perspektiven der Erziehungsberechtigten ernst zu nehmen. Diese schauen meist emotional, parteiisch, individuell und mit einer positiven Voreingenommenheit auf ihr Kind, während Lehrpersonen eine eher professionelle, sachbezogene und objektivere Sicht einnehmen, die der:die Schüler:in als Teil der ganzen Klasse betrachtet11,16. Diese Differenz im Bewusstsein zu haben, hilft dir, unterschiedliche Wahrnehmungen nicht sofort als persönliche Infragestellung (wie etwa Kompetenz-Ängste) zu lesen, sondern als strukturellen Unterschied in den Perspektiven7,9,11,16.
Auf der Beziehungsebene können Vorurteile, stereotype Zuschreibungen und kulturelle Unterschiede die Kommunikation zwischen Schule und Erziehungsberechtigten belasten17. Umso wichtiger ist es, schon im Vorfeld bewusst auf eine wertschätzende Beziehung hinzuarbeiten. Vertrauen in die Professionalität und Fairness von Lehrpersonen ist eine zentrale Voraussetzung für gelingende Zusammenarbeit6,7,18,19.
Auf der Appellebene sind eine gleichberechtigte Kommunikation, die Erziehungsberechtigte aktiv einbezieht, eine zentrale Voraussetzung für gelingende Kooperation9,10.
| Best Practice: Zu Beginn des Schuljahres kann es helfen, die eigene Rolle, Aufgaben, Zuständigkeiten, etc. klar zu formulieren, sodass die Erziehungsberechtigten wissen, was deine Aufgabe als Lehrperson ist. Weiterhin kann es helfen, Erziehungsberechtigte regelmässig über den Stand ihres Kindes zu informieren. (Sachebene) Den Erziehungsberechtigten von Anfang an klar machen, dass es zwei unterschiedliche Perspektiven gibt und das auch gut so ist, wie z.B.: „Ich sehe der:die Schüler:in aus der Klassenperspektive, Sie aus der Familienperspektive“. (Selbstoffenbarungsebene) Vor jedem Gespräch sich den Ressourcen des Kindes und der Familie bewusst werden, wie z.B.: „Mir fällt auf, wie ausdauernd der:die Schüler:in bei … ist“, um einseitige Problemfokussierung zu vermeiden, und somit auch die Stärken des Kindes hervorheben7,9-11,18. (Beziehungsebene) |
| Best Practice: Vermeide Anweisungen an die Erziehungsberechtigten, baue sie stattdessen mit ein, wie z.B.: “Was hat bei Ihnen bei … geholfen? Wie haben Sie auf das Verhalten reagiert?”. (Appellebene) |
Wie kannst du reagieren?
Wirst du aktiv nicht ernst genommen, solltest du auch hier auf der Sachebene alle Vorfälle, Beobachtungen und Aussagen sachlich und nachvollziehbar dokumentieren. Dies ist zentral, um unterschiedliche Wahrnehmungen zu ordnen11.
Auf der Selbstoffenbarungsebene ist es zwar herausfordernd aber wichtig zu wissen, dass Angriffe auf die Kompetenz von Lehrpersonen nicht unbedingt direkt etwas mit dir als Person zu tun haben, wie weiter oben schon beschrieben wurde5.
Es kann auch sein, dass auf der Beziehungsebene ein instabiles Vertrauensverhältnis herrscht. Deshalb solltest du Angriffe nicht vorschnell als persönliche Abwertung lesen. Eine Stabilisierung der Beziehungsebene sollte deshalb zunächst im Vordergrund stehen6,7.
In konflikthaften Situationen braucht es auf Appellebene klare, etablierte Rahmenbedingungen und Verfahren. Um frustrierte oder aggressive Reaktionen zu aufzufangen, solltest du deine Erwartung einmal und klar ausdrücken, um die gemeinsame Konfliktlösung zu erleichtern18.
| Best Practice: Dokumentiere Vorfälle und Aussagen der Erziehungsberechtigten systematisch (Datum, Situation, konkrete Beobachtung) und schildere im Gespräch diese sachlich. Sollte ein Gespräch nicht mehr möglich sein, hast du eine detaillierte Dokumentation für die Schulleitung. (Sachebene) Frage eine:n Kollegen:in, bei einem Gespräch dabei zu sein als externe Sicht auf die Dinge, falls du etwas an deinem Verhalten ändern kannst oder ob die Situation nur durch eine höhere Instanz gelöst werden kann und nutze auf jeden Fall Ich-Botschaften. (Selbstoffenbarungsebene) Jedes Gespräch mit einem klaren und realistischen Ziel eröffnen, wie z.B.: „Mein Ziel für heute ist, dass wir drei konkrete Vereinbarungen finden, wie wir Ihr Kind unterstützen.“. (Appellebene) Wichtig: Bei respektlosen Angriffen ruhig, aber deutlich, Grenzen markieren, wie z.B.: „Ich möchte gern mit Ihnen im Sinne Ihres Kindes zusammenarbeiten. In diesem Ton kann ich das Gespräch jedoch nicht fortsetzen.“7,10,18. |
| Best Practice: Die Vertrauensfrage behutsam ansprechen, wie z.B.: „Ich habe den Eindruck, dass wenig Vertrauen in meine Rolle als Lehrperson da ist. Mir ist wichtig zu verstehen, was Sie brauchen, um besser mit mir zusammenarbeiten zu können“. (Selbstoffenbarungsebene) Verlässlichkeit demonstrieren: Absprachen in einem kurzen Protokoll festhalten, Termine einhalten, Rückmeldungen wie vereinbart geben, so wird die eigene Professionalität sichtbar. (Beziehungsebene) |
Übergreifend: Eine professionelle und positive Beziehung zu Erziehungsberechtigten aufbauen und pflegen
Was kannst du in der Vorbereitung tun?
Schon vor dem ersten Gespräch stellst du die Weichen für die Beziehungsqualität. Um eine zielführende Zusammenarbeit aufzubauen, ist es auf der Sachebene wichtig, Informationen regelmässig und einbindend zu vermitteln. Eine regelmässige Kommunikation stärkt die Gegenseitigkeit in der Zusammenarbeit und hilft, ein gemeinsames Verständnis der zentralen Lernziele, Abläufe und Routinen (siehe Themenfeld Routinen) zu sichern3,4 .
Auf der Selbstoffenbarungsebene ist es wichtig, dir deiner professionellen Rolle bewusst zu sein. Zeige dich als engagierte Lehrperson, die die Vielfalt der Familien wahrnimmt und wertschätzt. Eine solche inklusive Haltung schliesst Erziehungsberechtigte von Anfang an aktiv ein4 (siehe Themenfeld Inklusion).
Für eine gelingende Beziehung ist eine proaktive Kontaktaufnahme zentral,idealerweise bevor Lern- oder Verhaltensprobleme auftreten3,8. Signalisiere bereits auf der Beziehungsebene mit deiner ersten individuellen Einladung, dass du den Erziehungsberechtigten als Partner:innen auf Augenhöhe begegnest, und nutze positive Kommentare über das Kind, um eine wertschätzende Beziehungsebene zu etablieren4,20.
Formuliere auf der Appellebene deine Wünsche klar, aber einladend. Wenn Erziehungsberechtigte gezielt von der Schule eingeladen werden, steigt ihre Bereitschaft, sich einzubringen8. Schlage gemeinsame Ziele vor, die dem Wohl der Schüler:innen dienen, statt unausgesprochene Erwartungen im Raum stehen zu lassen4. Über die Arbeit mit deinen Schüler:innen hinaus ist es für eine gelingende Bildungspartnerschaft essenziell, auch mit den Erziehungsberechtigten feste Vereinbarungen und Regeln zu treffen (siehe Themenfeld Regeln).
Klare Absprachen helfen zudem dabei, Belastungen durch nicht eingehaltene Vereinbarungen oder Missverständnisse proaktiv zu reduzieren3. Um eine professionelle und positive Gesprächsatmosphäre zu fördern, solltest du Sachinformationen im Austausch mit den Eltern stets mit einem expliziten, wertschätzenden Beziehungshinweis verknüpfen20. Im theoretischen Rahmen des Vier-Ohren-Modells verringerst du so die Wahrscheinlichkeit, dass Eltern deine sachlichen Beobachtungen lediglich auf dem „Beziehungsohr“ als Angriff auf ihre elterliche Kompetenz oder als fordernden Appell missverstehen4.
| Best Practice: Sachebene: – Lernziele transparent machen: „In diesem Semester liegt der Schwerpunkt im Fach XY auf …“ Selbstoffenbarungsebene: – In der ersten Kontaktaufnahme: „Mir ist es wichtig, Ihr Kind gemeinsam mit Ihnen bestmöglich zu unterstützen.“ oder „Ich verstehe mich als Lernbegleiterin Ihres Kindes und fördere seine individuellen Stärken.“ Beziehungsebene: – Gesprächseinstieg: „Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch nehmen.“ Appellebene: – Einladung formulieren: „Ich möchte Sie zu einem Gespräch einladen, um gemeinsam zu überlegen, wie wir Ihr Kind gezielt unterstützen können.“ |
| Best Practice: „Mir ist wichtig, dass Ihr Kind erfolgreich lernen kann (Beziehung/Appell). Mir ist aufgefallen, dass es sich im Unterricht teilweise schwer tut, konzentriert zu bleiben (Sachebene). Ich würde gerne gemeinsam mit Ihnen überlegen, wie wir es dabei unterstützen können“. (Appell/Partnerschaft) |
Wie kannst du reagieren?
Wenn du merkst, dass sich eine Beziehung zu Erziehungsberechtigten verschlechtert, kannst du dem entgegenwirken. Auf der Sachebene ist es wichtig, dass du in einem solchen Fall nur dokumentierte Fakten kommunizierst, ohne Interpretationen4. Setze dabei Ich-Botschaften ein, um deine professionellen Beobachtungen und dein Erleben im Gespräch wertfrei zu vermitteln (z. B. „Ich nehme in der Situation wahr, dass…“). Diese Strategie fördert die Rollenklarheit, da sie den Fokus von persönlichen Schuldzuweisungen weglenkt, die Beziehungsebene entlastet und den Eltern den notwendigen Raum für eine sachbezogene Antwort gibt3,20.
Wenn Erziehungsberechtigte Probleme leugnen, ein häufiger Stressfaktor für Lehrkräfte, bleibe in der Sache bestimmt, stütze dich auf deine Dokumentation, aber erkenne ihre emotionale Lage empathisch auf der Selbstoffenbarungsebene an3.
Auf der Beziehungsebene ist es wichtig, keine Machthierarchie zu etablieren. Auch wenn du am längeren Hebel sitzt, braucht ein konstruktiver Umgang mit Konflikten auf der Appellebene ausdrücklich vereinbarte Kommunikationsregeln, von dir und von den Erziehungsberechtigten4.
Dabei ist deine Selbstfürsorge und Selbstführung keine optionalen Extras, sondern zentrale Voraussetzungen und ethische Prinzipien, um dein Wohlbefinden langfristig zu erhalten und dem Risiko von Burnout-Erkrankungen aktiv vorzubeugen3 (siehe Themenfeld Selbstfürsorge). Scheue dich nicht, bei belastenden Konflikten die institutionelle Unterstützung der Schulleitung einzufordern oder Angebote wie kollegiale Fallberatung und Supervision zu nutzen, um deine eigene Handlungsfähigkeit zu sichern3,21.
| Best Practice: Sachebene: – Gespräch vorbereiten: Gesprächsplan erstellen, Austausch mit Fachpersonen, ggf. Hospitation zur Zweitmeinung Selbstoffenbarungsebene: – Emotionen spiegeln: „Ich höre, dass Sie sich Sorgen machen, ob Ihr Kind genügend Unterstützung bekommt.“ oder „Sie wirken enttäuscht über die aktuelle Situation.“ Beziehungsebene: – Erziehungsberechtigte als Expert:innen anerkennen: „Sie kennen Ihr Kind am besten. Ihre Einschätzung ist für mich sehr wichtig.“ oder „Mich interessiert, wie Sie Ihr Kind in solchen Situationen erleben.“ Appellebene: – Kommunikationsregeln klären: „Mir ist wichtig, dass wir einander ausreden lassen.“ oder „Wenn Emotionen hochgehen, können wir eine kurze Pause machen.“ |
| Best Practice: „Mir ist wichtig, dass wir gemeinsam eine gute Lösung für Ihr Kind finden (Beziehung/Appell). Ich habe beobachtet, dass die Hausaufgaben in letzter Zeit häufig fehlen (Sachebene). Ich kann nachvollziehen, dass der Alltag zu Hause herausfordernd sein kann (Selbstoffenbarung/Empathie). Was denken Sie, welche Unterstützung für Ihr Kind aktuell hilfreich wäre?“ (Appell/Partnerschaft) |
Möchtest du dich vertiefen?
Die bisherigen Vorschläge bieten dir konkrete Orientierung für deinen Unterrichtsalltag. Wenn du wissen möchtest, warum diese Strategien wirksam sind und worauf diese basieren, findest du im Folgenden eine vertiefende wissenschaftliche Einordnung.
Was steckt theoretisch dahinter?
Das 4-Ohren-Modell von Schulz von Thun1 im Überblick
Für jegliche Art von Gesprächen mit Erziehungsberechtigten, wie zum Beispiel das oben beschriebene, bietet das 4-Ohren-Modell von Schulz von Thun1 eine hilfreiche Orientierung. Es geht davon aus, dass jede Äusserung gleichzeitig vier Botschaften enthält: eine Sachinformation, eine Selbstoffenbarung, einen Beziehungshinweis und einen Appell. Kommunikation findet somit immer auf mehreren Ebenen gleichzeitig statt.
Sachebene
Die Sachebene beschreibt den Inhalt einer Aussage, also Daten, Fakten oder Beobachtungen. Sie beantwortet die Frage: Worüber informiere ich? Im beschriebenen Gespräch oben wären das konkrete Unterrichtsbeobachtungen statt Vermutungen. Darum setzen die Best Practices in auf dokumentierte Beobachtungen, klare Kommunikationswege und kurze Protokolle.
Selbstoffenbarungsebene
Die Selbstoffenbarungsebene zeigt, was eine Person über sich selbst preisgibt wie etwa Gefühle, Einschätzungen oder Haltungen. Sie beantwortet die Frage: Was gebe ich von mir zu erkennen? Diese Ebene ist immer Teil der Kommunikation, auch wenn sie nicht bewusst gesteuert wird. Wenn dich zum Beispiel die vielen Nachrichten nach Feierabend beanspruchen, ist auch das Teil der Botschaft. Dazu passen die Ich-Botschaften und das offene Benennen der eigenen Wahrnehmung.
Beziehungsebene
Die Beziehungsebene macht deutlich, wie die sprechende Person ihr Gegenüber sieht und wie sie die Beziehung versteht. Sie beantwortet die Frage: Wie stehe ich zu dir? Gerade in Gesprächen mit Erziehungsberechtigten ist diese Ebene besonders wichtig, da Aussagen schnell als wertschätzend oder kritisch interpretiert werden können. Sätze wie „Zu Hause ist uns das nicht aufgefallen“ oder „Mit mehr Lebenserfahrung …“ berühren schnell Augenhöhe und Vertrauen. Deshalb betonen die Best Practices einen wertschätzenden Einstieg, das Anerkennen der Elternperspektive und bei Bedarf das behutsame Ansprechen von fehlendem Vertrauen.
Appellebene
Die Appellebene enthält die Absicht, beim Gegenüber etwas auszulösen. Sie beantwortet die Frage: Wozu möchte ich dich veranlassen? In schulischen Gesprächen bleiben solche Erwartungen oft unausgesprochen, was zu Missverständnissen führen kann. Im Gespräch oben bleibt vieles unausgesprochen: die offizielle Plattform nutzen, Beobachtungen ernst nehmen, weitere Schritte mittragen. Bleibt dies unklar, endet das Gespräch leicht ohne Vereinbarung. Darum die Empfehlungen, Ziele früh zu benennen, Abmachungen schriftlich festzuhalten und bei Bedarf Fachstellen beizuziehen.
Ein zentraler Gedanke des Modells ist, dass Nachrichten nicht nur mit vier «Schnäbeln» gesendet werden, sondern auch mit vier «Ohren» empfangen werden. Das bedeutet, dass Zuhörende eine Botschaft unterschiedlich gewichten und interpretieren. Missverständnisse entstehen oft dann, wenn Lehrpersonen auf der Sachebene sprechen, Erziehungsberechtigte aber vor allem über das Beziehungsohr oder Appellohr hören. Genau deshalb folgen die Blöcke in „Und jetzt?“ immer wieder derselben Logik: Sache klären, eigene Wahrnehmung benennen, Beziehung sichern, nächste Schritte vereinbaren. So hilft das Modell, Gespräche bewusster zu führen und Eskalationen wie im Fallbeispiel eher zu vermeiden.
Was sagt die Forschung?
Beteiligung von Erziehungsberechtigten als förderlicher Faktor
Die Forschung zeigt insgesamt ein differenziertes Bild der Zusammenarbeit mit Erziehungsberechtigten. Klar ist jedoch: Wenn Erziehungsberechtigte sich aktiv beteiligen, wirkt sich das positiv auf die schulische Entwicklung von Schüler:innen aus. Meta-analytische Studien finden kleine, aber verlässliche Zusammenhänge zwischen der Beteiligung von Erziehungsberechtigten und der akademischen Anpassung von Schüler:innen, insbesondere bei Leistung, Engagement und Motivation22. Diese Effekte lassen sich mit der ökologischen Systemtheorie nach Bronfenbrenner erklären24. Dies bedeutet, jedes System umfasst bestimmte soziale Kontexte, wie Familie, Schule oder gesellschaftliche Normen, die gemeinsam das „Ökosystem“ bilden und die Entwicklung beeinflussen. Die Übergänge zwischen diesen Systemen und deren Zusammenspiel sind entscheidend für die Entwicklung. Eine gute Zusammenarbeit zwischen Schule und Zuhause stärkt das sogenannte Mesosystem: das bedeutet, dass Erwartungen und Unterstützung zwischen den Lebensbereichen besser aufeinander abgestimmt sind, was Schüler:innen eine stabilere Lernumgebung bietet4,20,23.
Motivation, Beziehung und Sozialkapital als Grundlage gelingender Zusammenarbeit
Auch die Selbstbestimmungstheorie nach Deci & Ryan (siehe Themenfeld Regeln) hilft, diese Zusammenhänge zu verstehen. Sie zeigt, dass die Beteiligung von Erziehungsberechtigten die Motivation von Kindern fördert, weil grundlegende psychologische Bedürfnisse angesprochen werden: Kompetenz, Autonomie und soziale Eingebundenheit. Schüler:innen können so den Wert von Bildung besser verinnerlichen17,25. Entscheidend für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist die Qualität der Beziehung zwischen Lehrpersonen und Erziehungsberechtigten. Diese basiert auf einer positiven Atmosphäre, gemeinsamen Zielen und geteilter Verantwortung20. Wichtige Faktoren sind zudem gemeinsame Überzeugungen und Gegenseitigkeit. Sie ermöglichen den Aufbau von Sozialkapital, also Vertrauen und funktionierende Informationsnetzwerke, die sich positiv auf Leistung und Verhalten der Schüler:innen auswirken4,22.
Herausforderungen im schulischen Alltag und die Rolle der Selbstwirksamkeit
In der Praxis ist diese Zusammenarbeit jedoch oft schwierig. Kommunikation zwischen Schule und Zuhause findet häufig nur dann statt, wenn Probleme auftreten4,8,20. Solche anlassbezogenen Kontakte werden von Erziehungsberechtigten oft als belastend oder vorwurfsvoll erlebt. Dadurch können sich ihr Gefühl von Zugehörigkeit und ihre eigene Kompetenz verringern, was wiederum defensive Reaktionen auslösen kann3,17,20. Demgegenüber wirkt sich eine proaktive, von Lehrpersonen initiierte Kommunikation positiv aus. Sie stärkt die Zusammenarbeit, schafft klare Erwartungen und ermöglicht es, Herausforderungen gemeinsam anzugehen8,20,21. Viele Lehrpersonen, besonders Berufseinsteiger:innen, erleben die Zusammenarbeit mit Erziehungsberechtigten als belastend und zeitaufwendig. Dies deutet darauf hin, dass sie sich in diesem Bereich oft nicht ausreichend vorbereitet fühlen und ihre eigene Selbstwirksamkeit (die Überzeugung einer Person, auch schwierige Situationen aus eigener Kraft bewältigen und etwas bewirken zu können) als gering einschätzen3,4. Solche belastenden sozialen Prozesse können die Qualität des gesamten Lernumfelds negativ beeinflussen17. Deshalb sind Beratung und professionelle Unterstützung wichtig, um Rollenklarheit zu schaffen und Konflikte weniger persönlich zu nehmen3,20.
Zudem zeigt die Forschung, dass die Zusammenarbeit mit Erziehungsberechtigten in institutionelle Erwartungen eingebettet ist, die häufig die Ressourcen der dominanten Mittelschicht begünstigen20. Kritische Perspektiven weisen darauf hin, dass Schulen Familien oft danach beurteilen, wie gut sie zu schulischen Normen passen. Dies kann für ethnisch marginalisierte Familien eine strukturelle Barriere darstellen17,20.
Eine kultursensible bzw. kulturell responsive Praxis kann hier entgegenwirken. Sie reduziert Hierarchien, fördert Gegenseitigkeit und erkennt die Erfahrungen und das Wissen von Erziehungsberechtigten („Funds of Knowledge“) als wichtige Ressource an4,20.
Warum Unterstützungsangebote manchmal abgelehnt werden
Wenn Erziehungsberechtigte Unterstützungs- oder Förderangebote ablehnen, lässt sich dies nicht einfach auf fehlende Bereitschaft reduzieren5. Eine Studie verweist vielmehr auf ein Zusammenspiel von emotionalen Konflikten, finanziellen Belastungen, begrenzten Ressourcen, kulturellen und gesellschaftlichen Vorstellungen, Missverständnissen über Beeinträchtigungen sowie Kommunikationslücken zwischen Erziehungsberechtigten und Fachpersonen. Einstellungen und Erfahrungen prägen demnach die tatsächliche Nutzung von Unterstützung stark12.
Unterschiedliche Wahrnehmungen von Schüler:innen
Hinzu kommen Unterschiede in der Wahrnehmung der Schüler:innen. Eine Studie zeigt, dass Erziehungsberechtigte die sozial-emotionalen Kompetenzen ihrer Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten, wie etwa Selbstwahrnehmung, Emotionsregulation, Einfühlungsvermögen und Kooperation, im Kindergarten und in der Grundschule positiver beurteilen als Lehrpersonen11. Auch im oben beschriebenen Gespräch wird diese unterschiedliche Wahrnehmung deutlich, wenn die schulisch beobachteten Schwierigkeiten von den Erziehungsberechtigten eher relativiert und anders erklärt werden.
Schulklima, Beziehungsgestaltung und Eskalationsrisiken
Diese Urteilsunterschiede fallen kleiner aus, wenn die Lehrperson die Verknüpfung zu Lehrpersonen-Schüler:innen-Beziehung (LSB) (siehe Themenfeld Beziehungsaufbau) positiver einschätzt. Hinweise auf die Bedeutung des schulischen Umfelds liefert zudem eine weitere Studie7 zu autistischen Schüler:innen: Ein positiveres Schulklima war signifikant mit einer besseren Qualität der Erziehungsberechtigten-Lehrpersonen-Beziehung aus Erziehungsberechtigtensicht verbunden. Diese Befunde lassen sich auch durch das transaktionale Modell erklären, das davon ausgeht, dass Lehrpersonen und Schüler:innen sich in ihrem Verhalten wechselseitig beeinflussen und sich Interaktionsmuster über die Zeit stabilisieren können (siehe Themenfeld Beziehungsaufbau). Konflikte können sich dabei an Noten, Disziplinierungsfragen oder als unfair erlebten schulischen Entscheidungen entzünden. In diesem Zusammenhang werden auch verbale Aggressionen, Drohungen und starker Druck durch Erziehungsberechtigte gegenüber Lehrpersonen beschrieben7,11,18.
Quellen
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Take Home Message
Eine professionelle Zusammenarbeit mit Erziehungsberechtigten gelingt dann, wenn Lehrpersonen Kommunikation bewusst auf allen vier Ebenen gestalten, klare Grenzen setzen und gleichzeitig die Beziehung aktiv pflegen. Konflikte entstehen häufig nicht auf der Sachebene, sondern durch unterschiedliche Deutungen auf der Beziehungs- und Appellebene. Hier hilft es, Perspektiven mitzudenken und empathisch zu reagieren. Entscheidend ist eine proaktive, transparente und wertschätzende Kommunikation, die Erziehungsberechtigte als Partner:innen einbindet und so langfristig Vertrauen und Kooperation stärkt.
Die Zusammenarbeit mit Erziehungsberechtigten steht im Schulalltag nicht für sich allein, sondern ist eng mit weiteren zentralen Aspekten der Klassenführung verbunden. Dazu zählen insbesondere Inklusion und Selbstfürsorge: Während Inklusion eine tragfähige und gut strukturierte Zusammenarbeit unterstützt, hilft Selbstfürsorge Lehrpersonen, auch in Situationen mit herausforderndem Verhalten ruhig, präsent und handlungsfähig zu bleiben.
Impressum
Editor:in
A. N. Brack
BA in Primary Education & MSc in Educational Science (i.A.)
Autor:innen
C. A. Halbheer
Fachfrau Gesundheit, BSc & MSc in Educational Sciences (i.A.)
L. S. Camilo
BSc & MSc in Educational Science (i.A.)
K. Kelava
BSc & MSc in Educational Science (i.A.)
S. Grunder
BSc & MSc in Educational Science (i.A.)